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Die Spannung zwischen Individualismus und Konformismus.
Wir Menschen in der westlichen modernen Gesellschaft wachsen unter Bedingungen auf, die uns die Fähigkeit zum Individualismus abverlangt. Im beruflichen, aber auch privaten Leben wird uns empfohlen, sich als individuelle Persönlichkeit vorteilhaft darzustellen. Dazu gehört eine große Portion an Eigenständigkeit, Kreativität und Originalität. Konformistisches, an Gruppen überangepaßtes Verhalten ist „out“. Als Nonkonformisten laufen wir in den Straßen der Großstädte herum und sind genau in unserem scheinbar „individualistischen“ Verhalten völlig konform mit dem, was die heutige Arbeitswelt braucht. Die kapitalistische Marktwirtschaft wächst nur, wenn immer mehr individualisierte Menschen neue Bedürfnisse haben, die durch neue Angebote befriedigt werden können. Gleichzeitig suchen die individualisierten Menschen Massenveranstaltungen auf, in denen sie gemeinsames Glück erfahren können wie z.B. die Love-Parade in Berlin, Fußballstadien oder Popkonzerte. Keiner von uns entgeht heute der Spannung zwischen Individualismus und Konformismus. Sie ist ja auch sehr attraktiv und ermöglicht erweiterte Spielräume in der Lebensführung und damit mehr Chancen für persönliches Glück. Das gilt genauso für Christen und religiöse Menschen. Sie suchen zwar Gemeinschaft, aber sie brauchen auch viel Zeit für ihre individuellen Bedürfnisse (Hobbys, Shopping, Reisen, freundschaftliche Kontakte über den Wohnort hinaus usw.). Kirche und Gemeinde muß sich heute auf diesen flexiblen Lebensstil einstellen. Der gewöhnliche Gottesdienst reicht den meisten Gläubigen nicht mehr aus. Neue Gottesdienstformen werden in den Volk- und Freikirchen ausprobiert und angeboten, die unterschiedliche Interessen ansprechen. Aber auch die Organisationsstrukturen der Kirchengemeinden werden den neuen Bedingungen angepaßt.
Ich gehöre selbst zu diesen individualisierten und doch nach Gemeinschaftserlebnissen suchenden modernen Städtern. Ich wünsche mir eine religiöse Gemeinschaft, die mein Bedürfnis nach Individualität respektiert und die mich gleichzeitig dazu verlockt, mich einbinden zu lassen und mit anderen Menschen Gemeinschaft zu gestalten. Ich engagiere mich in einer Freikirche, die dies ermöglicht. Ich möchte jetzt kurz darstellen, wie ich mir unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft Kirche oder Gemeinde vorstelle. Vieles davon kann ich in der Realität finden, manches ist erträumtes „Ideal“.
„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ lautete die Parole der französischen Revolutionäre vor 200 Jahren. Um Befreiung von Unmündigkeit, Ungleichheit und Abhängigkeit, nicht zuletzt auch von der katholischen Kirche, ging es ihnen. Aber sind die Wünsche dieser Parole nicht auch das, was sich schon die Urchristen von der neuen Gemeinschaft gewünscht haben? Die modernen marktwirtschaftlich organisierten Demokratien können in nur ungenügender Weise diese drei Werte garantieren. Ich wünsche mir, daß sie in einer christlichen Gemeinde besser verwirklicht werden.
„Freiheit“ entsteht dort, wo das Evangelium in seinem eigentlichen Wesen verkündigt wird. Die Gemeinde wird dann eine Gemeinschaft von freien Menschen, herausgerufen aus der Unmündigkeit und Abhängigkeit von belastenden Bindungen. Man atmet auf in einer Gemeinde, die sich vom Geist der „Freiheit“ durchwehen läßt, die in Christus besteht. Dann kommen die Aufpasser und Denunzianten nicht zum Zug, die es in jeder menschlichen Gruppe gibt. Die Gemeinde sollte eine freie Vereinigung von Menschen sein, die mit dem Gott verbunden sind, der selbst in sich eine Liebesgemeinschaft bildet (die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist). Aufgrund der „Freiheit“ ist vieles in der Gemeinde möglich: unterschiedliche Lebensformen, mannigfaltige soziale und kulturelle Aktivitäten, vielfältige Gottesdienste, die unterschiedliche Geschmäcker ansprechen (von Orgelmusik bis hin zu Schlagzeug/Bass/Gitarre).
„Gleichheit“ ist ein Grundrecht aller Christen, denn in Christus sind alle gleichwertig. Es gibt keinen Unterschied: alle waren von Gott getrennt und sind durch das Evangelium zu Gott zurückgerufen. Niemand kann sich über den anderen erheben, wenn allein die Liebe Gottes waltet. Sozialer Status oder Hautfarbe, Geschlecht oder Alter spielen in der Gemeinde keine Rolle mehr. Gleichberechtigung ist in der Kirche Christi etwas völlig Selbstverständliches. Frauen haben wie Männer Zugang zu allen Ämtern, weil sie selbstverständlich vollen Zugang zu Gott haben, nicht weniger und nicht mehr als die Männer. Die Gemeinde, in der ich mich heimisch fühle, ist kollegial und demokratisch geführt („konziliar“). Mehrheiten werden akzeptiert, Minderheitspositionen toleriert und nicht an den Rand gedrückt. Eine innere Vielfalt und auch gewisse Pluralität wird nicht nur akzeptiert, sondern auch geschätzt, weil sie anregend ist und eine offene und spannende Dynamik entfaltet. Gleichheit soll die Vielfalt der Gaben nicht in Frage stellen, vielmehr gerade ermöglichen, weil jedem etwas Unverzichtbares für die Gemeinde zugetraut wird. Die Alten mit ihrer Erfahrung werden genauso gehört wie die ungestümen Jungen oder Eltern mit ihren Kindern, die im Gottesdienst nicht immer ganz stumm bleiben. Sicherlich wird in der Gemeinde diese Einstellung immer wieder verletzt, aber man sieht es und versucht es zu vermeiden. Symbol für die Gleichheit ist der Kreis: „Der Kreis hat keine Grenzen und keine Hierarchie. Er macht keine Unterschiede, hat keinen Anfang und kein Ende. Der Kreis bildet eine sichtbare gemeinschaftliche Form, und doch sind die Beteiligten einzeln erkennbar...“.
„Geschwisterlichkeit“ – ein angemesseneres Wort für das, was „Brüderlichkeit“ meint – zeigt sich darin, daß niemand in der Gemeinde wie ein Vorgesetzter die anderen bestimmt. Alle sind Geschwister, deren Bruder Jesus Christus ist und deren einziger Vater der liebe Gott ist. Das prägt das soziale Miteinander. In der christlichen Gemeinde bemüht man sich um Verständnis füreinander und fördert untereinander die persönliche wie geistliche Entfaltung. Achtung und Respekt bestimmen die Begegnungen.
Ein gute Gemeinde hat für mich darüber hinaus einen „biblischen“, „orthodoxen“, „katholischen“, „evangelischen“, „freikirchlichen“, „baptistischen“, „adventistischen“, „ökumenischen“ und „charismatischen“ Charakter. Was meine ich damit? (Die Anführungszeichen sollen anzeigen, daß es um Begriffe geht, die keine Konfession für sich gepachtet hat).
„Biblisch“ ist eine Gemeinde, wenn die einzige Autorität, die in ihr unangefochten gilt, die Bibel ist. Gegen sie kommen weder ein katholisches Lehramt noch evangelische Bekenntnisschriften oder aktuelle prophetische Worte an. Letztgültig ist die „ganze Schrift“ und nicht nur Teile von ihr. Die Mitte der Schrift ist kein Autor oder bestimmte Sätze, sondern der lebendige Jesus Christus selbst. Das Alte Testament (oder „Erstes Testament“) wird gegenüber dem Neuen Testament nicht abgewertet. Beide Teile der Schrift brauchen einander, damit die ganze Fülle christlichen Glaubens gelebt werden kann. In dieser Gemeinde macht es den Gemeindegliedern Freude, alte und neue Schätze in der Bibel zu entdecken und für das gegenwärtige geistliche Leben fruchtbar zu machen. Bewährte Wahrheit wie „neues Licht“ wird gleichermaßen geschätzt.
„Orthodox“ ist eine Gemeinde, wenn sie Freude hat an verbindlichen Lehren, an denen nicht gerüttelt werden muß. Sie sind so verbindlich wie die Menschenrechte. Zu diesen Lehren gehören das Bekenntnis, daß Gott die Liebe ist, daß Jesus Christus uns allein aus Gottes überschwenglicher Geschenkfreude heraus in die Gottesgemeinschaft zurückführt und daß Gott als der Eine Gott doch in sich in drei Wesenheiten differenziert ist (Vater, Sohn und Heiliger Geist). So erst wird die Fülle der Liebe Gottes deutlich. Das Evangelium, das zur Gemeinschaft mit Jesus Christus einlädt, ist als Zuspruch zugleich auch Anspruch, weil es zu einem neuen Leben vor Gott führt.
„Katholisch“ erweist sich eine Gemeinde darin, daß sie nicht auf ein Land oder ein Bevölkerungsschicht begrenzt ist. Das griechische Wort „katholos“ weist auf einen sehr wichtigen Charakter der Kirche hin. Sie ist „allgemein“ oder „universal“, also global organisiert. Erst dann kann sie sich daran bewähren, daß sie völker- und kulturübergreifend ist. Alles „völkische“ oder „nationalistische“ ist ihr fremd, vielmehr ist sie, durchaus heimatverbunden, voll Überzeugung „international“ und „interkulturell“ organisiert. Damit sorgt sie für eine heilsame Selbstrelativierung aller völkischen oder nationalen Phantasien. „Katholisch“ ist eine Gemeinde auch dann, wenn alle Sinne, nicht nur das Gehör, angesprochen werden. Immer mal wieder gibt es etwas zu sehen, zu schmecken und zu riechen.
„Evangelisch“ ist sie, wenn die Gemeinde weiß, daß alle Hoffnung, alles Selbstvertrauen, alle Überzeugungskraft allein am heilschenkenden Wort Gottes hängt. Sie feiert nicht sich selbst, sondern Gott. Sie achtet darauf, daß das Evangelium klar leuchtet und nicht durch moralisierende Aufrufe verdunkelt wird.
„Freikirchlich“ ist eine Gemeinde, wenn ihr die organisatorische Trennung von Staat und Kirche grundlegend wichtig ist. Sie weiß die Freiräume zu schätzen, die ihr durch die Religions- und Gewissensfreiheit vom Staat eingeräumt wird. Sie wird aber auch den Staat daran erinnern, Politik nicht religiös zu überhöhen (Nationalismus, Patriotismus, Politiker als Erlösergestalten). Diese Gemeinde setzt sich für religiöse Gewissensfreiheit auf der ganzen Welt ein. Damit ist sie gleichzeitig Anwalt für alle elementaren Menschenrechte. Sie versteht sich als ergänzendes Gewissen zu den Verfassungsgerichten, die auf die Einhaltung der Grundrechte achten sollen. Ihr gesellschaftliches Engagement zeigt sie darüber hinaus durch unterschiedliche Unterorganisationen wie Kindergärten, Schulen und Hochschulen, Krankenhäuser und Entwicklungshilfe.
„Baptistisch“ ist eine Gemeinde, wenn sie den Gläubigen das Geschenk der bewußten Erfahrung der Gottesgemeinschaft in der „Erwachsenentaufe“ nicht vorenthalten will. Säuglinge bedürfen nicht der Taufe, da sie durch gläubige Eltern schon zur Gemeinde gehören. Im Jugend- oder Erwachsenenalter, wenn sich die Identitätsfrage stellt, kann es zu einer bewußten Erfahrung der Liebe Gottes kommen, die dann zur Taufe führt. Vorgängiger „Zwang“ ist damit ausgeschlossen. Es ist gut, wenn der Täufling weiß, was mit ihm in der Taufe geschieht.
„Adventistisch“ erweist sich eine Gemeinde darin, daß sie allen innerweltlichen Utopien mißtraut, die das Paradies auf Erden versprechen (z.B. als Kommunismus oder Technik oder Konsum oder New Age). Sie weiß um die Vorläufigkeit aller menschlichen Bemühungen um Verbesserung der Lebensmöglichkeiten. Allein Gott kann der Erlöser von allem Leiden sein. Darum hofft die Gemeinde auf die Weltvollendung und auch auf das Weltgericht, in dem allen Opfern der Weltgeschichte Recht gesprochen wird, aber auch die unbekannten Helden und Heldinnen geehrt werden. Die Gemeindeglieder befinden sich in einer „Stets-Bereitschaft“ und sind darum zu einer heilsamen Distanzierung zu allen gesellschaftlichen „Erlösungserwartungen“ fähig.
„Ökumenisch“ ist eine Gemeinde, wenn sie Freude hat, mit Christen anderer Konfessionen Kontakte zu pflegen. Der Wunsch, in der Glaubenserkenntnis weiterzuwachsen, führt dazu, mit Interesse zu beobachten, wie Christen aller Konfessionen in der Auslegung der Bibel und in der Aktualisierung der biblischen Wahrheit zu neuen Erkenntnissen kommen. Im Austausch ergeben sich Anregungen für die Gottesdienstgestaltung (neue Lieder, neue liturgische Elemente) und für soziale wie kulturelle Aktivitäten der eigenen Gemeinde oder auch in gemeinsamen Projekten. Sie hält sich auch frei von einer Entwertung oder Verachtung anderer Konfessionen, ohne auf kritische Beobachtungen zu verzichten. Sie schätzt es aber auch, von anderen Konfessionen auf eigene Schwachpunkte hingewiesen zu werden. Denn sie hat Freude an der Wahrheit.
„Charismatisch“ ist sie, wenn sie von der Kreativität des Geistes Gottes geprägt ist. Der Geist der Schöpfung und Neuschöpfung liebt das Leben, das sich entfaltet. Der Geist läßt Songs (Lieder) entstehen, mit der die Gemeinde mit ihren gegenwärtigen musikalischen Vorlieben Gott loben kann. Er sorgt für interessante, prickelnde Predigten. Er läßt viele „Kreise“ entstehen (Gesprächskreise, Hauskreise, Arbeitskreise...), die die Gemeindeglieder auf anregende Weise aktivieren. Er schöpft aus dem Reservoir der vielen Gaben, die einzelne Gemeindeglieder haben und macht sie für die Gemeinde fruchtbar. Der Geist wirkt manchmal introvertiert, indem er in die Ruhe und Meditation führt, manchmal wirkt er auch extrovertiert, indem er der Gemeinde bei Feiern und Festen etwas Glanz und Glamour verleiht. Bei allem sorgt der Geist dafür, das er von der Oberfläche in die Tiefe führt und für Einzelne wie für die gesamte Gemeinde die Fülle des Lebens in seinen Höhen und Tiefen erschließt. |